Produktionsinformationen zu ‚Fräulein Julie‘

Warum heute ein Stück spielen, das die gesellschaftlichen Schranken des 19. Jahrhunderts behandelt? Diese Frage stellt sich vielleicht auf den ersten Blick, wenn man etwas über die Strindberg-Tragödie um die junge Grafentochter Julie liest. Allerdings zeigt der zweite Blick auf den Stoff, dass der Motor für dieses Dramas nicht nur  in diesen gesellschaftlichen Schranken liegt, sondern auch und primär in den Fragen, wie sensibel und impulsiv den Intuitionen folgend wir auf andere Menschen zugehen dürfen, bzw. wie sich unser Verhalten und unsere eigene sowie gesellschaftliche Haltungen auf unsere Mitmenschen auswirken.

Als besonderes Mittel wird dafür in der Grötzinger Inszenierung dieses Stoffes ein Käfig aufgebaut, der zwei Funktionen hat. Zum Einen wird durch den Käfig der Zuschauer von dem eigentlichen Geschehen getrennt, er sitzt dem Geschehen gegenüber wie ein externer Beobachter eines Laborversuches, der beobachten und hinterfragen kann. Zum anderen steckt der Käfig die Grenzen für die Charaktere auf der Bühne ab, ist eine Schranke, der sie nicht entkommen können, in denen sie sich aber im Laufe des Stückes mehr und mehr wie wilde Tiere umkreisen und ein Schachspiel mit dem Gegenüber entwickeln, um ihr eigenes Ziel zu erreichen. Dabei verändern sich mit der Zeit die Machtverhältnisse, und aus der anfänglich starken und übermächtigen Julie wird mehr und mehr eine verletzliche Frau, während der Hausdiener Jean, anfangs noch Julie unterstellt,  zeitgleich mehr und mehr an Macht über sie gewinnt und versucht, sie für seine Ziele zu gewinnen und die Möglichkeiten, die sich ihm geben, auszureizen.

Den entscheidenden Impuls gegen Ende des Stückes gibt die Köchin Kristin. Ist sie am Anfang noch eher eine unscheinbare Hausangestellter, wird sie zum Ende hin zu einem Symbol für die gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen. Mit Ihrer starren, konservativen Haltung gibt sie letztlich den Impuls, dass Jean sich den Erwartungen beugt, und spricht damit endgültig Julies Todesurteil.

Gerade dieser entscheidende Moment in der Handlung wird von Jean beobachtet, durch eine Videokamera, wobei das Bild auf eine große Leinwand projeziert wird. So nimmt Jean in diesem Moment wie die Zuschauer die externe Beobachter-Rolle ein, während Julie von Kristin mit den Erwartungen der Gesellschaft und leer klingenden Phrasen mit ihrer Ausweglosigkeit endgültig konfrontiert wird. Es erfolgt eine zusätzliche Fokussierung auf diesen Moment, in dem zentrale Fragen des Stückes aufgeworfen werden. Durch diesen wie auch weitere Video-Projektionen wird der Zuschauer noch näher an das Geschehen gezogen, kann feine Regungen in den Gesichtern erkennen oder resümieren, was vor seinen Augen geschieht, ganz nah am Geschehen und doch durch den Zaun als externer Beobachter eines überaus intensiven Spieles von Menschen miteinander im Rahmen der allgemeinen Erwartungen der Gesellschaft.